Tijuana

Die gefährlichste Stadt der Welt

Daniel Schröer

Mit 138,2 Tötungsdelikten je 100.000 Einwohnern verdiente sich Tijuana bereits 2018 den wenig ruhmreichen Titel „Gefährlichste Stadt der Welt“. Nun stellte sich uns beim Besuch ihrer unmittelbaren Nachbarin San Diego natürlich die Frage, ob man sich einer Art Katastrophentourismus stellen und selbst ein Bild von der Lage machen sollte oder lieber dem Impuls nachgibt, sich nicht unnötig in Gefahr zu bringen. Nach reiflicher Überlegung entschieden wir uns für einen Mittelweg, nämlich einer über AirBNB angebotenen Tour des in Tijuana aufgewachsenen Universitätsprofessors David Peguero. Dieser bietet mit seinem Businesspartner Jason Rosenburg entsprechende Erkundungen an und wir waren erst die dritten Gäste der beiden, also so gesehen noch Teil der Testläufe. Für einen kleinen Dollar verabredeten wir uns auf der mexikanischen Seite der Grenze und hofften, alles würde glatt gehen.

Die Einreise nach Mexiko, zu Fuß neben dem Outlet at the Border, verlief völlig entspannt. Die mexikanischen Grenzbeamten schienen Besuch gewohnt zu sein und auch der Antrag für das Tagesvisum war rasch ausgefüllt. Auf der anderen Seite schossen wir erstmal ein paar Bilder neben den riesigen Mexico- und Tijuana-Schriftzügen und ließen uns von David und Jason, beide Ende 30/ Anfang 40, willkommen heißen.


Der erste Eindruck war hervorragend, die beiden (David Mexikaner, Jason aus den USA) stellten sich als überaus sympathische Zeitgenossen heraus und niemand in der Umgebung machte Anstalten, uns zu überfallen oder gar abzumurksen. Wir düsten mit dem Auto in eine zentrale Tiefgarage und David startete die Besichtigungstour durch die Hauptstraßen der Stadt. Als Uniprofessor und Start-Up-Investor ist er sehr gut vernetzt, so erkundeten wir zunächst einige der Pop-Up-Stores, mit deren Hilfe er die Dynamik und das Wachstum Tijuanas eindrucksvoll untermalte. Die junge Stadt leidet unter ihrem schlechten Ruf, schöpft daraus aber auch die Kraft, sich aus eigenem Antrieb heraus stets zu erneuern. An jeder Ecke wird gearbeitet, es entstehen Geschäfte, Restaurants, spannende Konzepte, die es in Europa so nicht nicht gibt. Beispielsweise die Bar mit einem kleinen Kino in der oberen Etage, welches auch für Business-Präsentationen und Geschäftsmeetings gebucht werden kann. Parallel dazu hängen ausgezeichnete Bilder lokaler Fotografen an den Wänden, die ebenfalls käuflich erworben werden können.

Im Anschluss führten uns die beiden zu einem versteckten Patio mit kleinen Straßenbistros, in welchen wir authentische Tacos und hausgemachte Drinks probieren durften. Jason schoss dabei unentwegt Fotos, denn Teil der Führung war, dass wir uns ganz auf Davids Erläuterungen konzentrieren können, wenn wir nicht mit eigenem Fotografieren abgelenkt sind. So gestärkt wurde uns ein versteckter Eingang in einer Häuserzeile gezeigt, den wir selbst nie gefunden hätten. Dahinter stockte uns der Atem, verbarg sich dort doch eine ganz eigene Welt mit trendeigen Shops, Bars, Restaurants, kleinen Märkten und einem Flair, dass man in New York oder Berlin erwartet hätte, nicht aber mitten in und unter Tijuana.


Hier wurde uns schmerzlich bewusst, dass unser Unwohlsein in Peru auch damit zu tun hatte, auf uns allein gestellt keine Chance gehabt zu haben, die richtig schönen Spots zu entdecken. David machte uns klar, dass auf den Straßen draußen eher Tagewerk, Elend und der tägliche Überlebenskampf regierten, während die Dynamik und Trends in sich stetig wandelnden, leicht versteckten Gegenden vor sich geht. Schon, damit man nicht ständig präsent ist und sich so freier entfalten kann. Wir erstanden ein paar Shirts in einem Designerstore, die umgerechnet knapp 14 US-Dollar gekostet haben - in Los Angeles wären wir locker 60 Dollar pro Shirt losgeworden.


David zeigte uns im weiteren Verlauf noch das zentrale Konzerthaus mit dem Tijuana Walk of Fame, auf welchem mexikanische Künstler verewigt sind, die in der Stadt aufgetreten und somit Teil des überall zu spürenden Aufschwungs waren.

Egal, wem wir begegneten, alle waren unfassbar nett. Jason erzählte uns, dass er vor einiger Zeit aus Alabama in die Stadt kam und sich noch nirgendwo so willkommen, so wohl gefühlt hatte. Er liebt das Essen, die Menschen, die Lebensfreude und kann natürlich als US-Amerikaner zudem vom Vorteil profitieren, jederzeit auf die andere Seite der Grenze zu wechseln. Wobei uns die Jungs klarmachten, dass viel von der Politik nicht im täglichen Leben zu spüren sei. Auch David fährt regelmäßig zu Konzerten nach San Diego und kommt problemlos über die Grenze. Das sei aber natürlich nicht allen vergönnt, wie sie uns anhand beklemmender Fotos zeigten, wo Bands auf ihrer jeweiligen Grenzseite gemeinsame Konzerte geben oder Sportteams symbolisch über die Mauer hinweg Fußball spielen. Hat schon etwas von kaltem Krieg…


Wir schoben die Gedanken mit Hilfe unserer Begleiter aber rasch beiseite, denn es galt, nochmals authentisches Streetfood zu uns zu nehmen. Echte mexikanische Churros und Tacos in anderem Stil sollten es sein und selbstverständlich schmeckte alles köstlich. Ich will nicht sagen, dass es so etwas in unseren mexikanischen Restaurants nicht gibt, aber es gehörte auf jeden Fall zur oberen Klasse. Schlussendlich, nach einem Souvenirfoto mit den überall präsenten Zonkeys (dem kunstvoll als Zebra Esel, Glückstier von Tijuana (Zebra + Donkey = Zonkey)) und einem süßen Abschiedsgeschenk unserer Gastgeber, machten wir uns nach gut drei Stunden auf den Rückweg über die Grenze, scherzten mit den US-Einwanderungsmitarbeitern, die uns relaxt durchwinkten und waren um ein grandioses Erlebnis reicher. Die schönsten Geschichten lauern hinter der Angst…


Keep on rockin’
Ree

(c) Daniel Schröer

Mitglied im Deutschen

Fachjournalisten Verband

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