Alcatraz

Zu Besuch auf ‚The Rock‘

Daniel Schröer

Am Fisherman's Wharf ging es los, dort startet die Fähre auf die berühmteste Gefängnisinsel der Welt, Mittelpunkt zahlreicher mystischer Ausbrüche, wilder Aufstände und diverser Filme. Wer wieder direkt gegenüber der WeWork-Zentrale einen Parkautomaten an der Straße ergattert, steht günstig und erreicht den Pier in wenigen Minuten. 


Die Schlange der jeweiligen Abfahrtszeit formiert sich grob fünfzehn Minuten früher, jeder der ein Ticket hat, kommt mit, und so hält sich das Gedränge in Grenzen. Es liegen eher Spannung und Vorfreude in der Luft, auf ein Abenteuer der realen Welt, welches mit jedem Meter, den die Fähre sich in der diesmal entspannten Gischt vorwärts bewegt, beständig näher rückt.

Auf The Rock selbst wird man von einem Ranger in Empfang genommen, der kurz das Wesentliche zu Geschichte und Verhaltensregeln erläutert und die Besucher dann ihrer jeweiligen Wege gehen lässt. Da sich nahezu alle mit uns eingetroffenen Besucher direkt den Berg hinauf arbeiteten, ging es für uns, selbstverständlich, zunächst in das Visitor Center. Der Nationalpark-Stempel wollte abgeholt und ein Pin erworben werden. Und siehe da, es stellte sich direkt ein doppelter Nebeneffekt ein, da sowohl der Shop leer war, als auch im Anschluss der Weg hinauf zum Eingang nur uns gehörte und wir so nicht nur entspannt hoch laufen, sondern dabei auch noch schöne Fotos der Szenerie schießen konnten.


Vorbei ging es, an den alten Baracken, den Versorgungsgebäuden und dem Wasserturm, die ihrerseits selbst in ihrer Reglosigkeit beständig Geschichten erzählen. Von berühmten Insassen wie Al „Scarface“ Capone, George „Machine Gun“ Kelly oder Robert „The Birdman“ Stroud, die auf ihrem Weg in die Zellen an ihnen vorüber schreiten mussten. Vom Aufruhr nach entdeckten Ausbruchsversuchen und, als Alcatraz schon längst kein Gefängnis mehr war, von den Protesten der amerikanischen Ureinwohner für erweiterte Rechte und mehr Anerkennung. Das alles mit dem unbeschreiblichen Panorama San Franciscos in greifbarer Nähe, wunderschön anzusehen, nur durch das glitzernde Wasser von der Insel getrennt. Kein Wunder, dass die Sehnsucht bei vielen temporären Bewohnern ins Unermessliche wuchs und selbst ein wenig vielversprechender Ausbruch als beste Option angesehen wurde. 

Die Gestaltung des Besuchs im Inneren der Gefängnismauern gehört mit zum Besten, was ich jemals in einem historischen Museum erleben dufte. Nach Durchschreiten der Ankunfts- und Wäschekammer, die einen Einblick in die beklemmende Atmosphäre lieferte, derer die Neuankömmlinge ausgesetzt waren und der sie sich vollkommen nackt stellen mussten, kam an an die Ausgabeschächte für die persönliche Erstausstattung. Entgegen der Gefangenen nahmen wir allerdings keine Bekleidung und Bettwäsche entgegen, sondern erhielten von einem Gefängniswärter einen Audioguide und eine Einführung in selbigen.


Obwohl ich diesen Geräten manchmal skeptisch entgegen blicke, setzte ich die Kopfhörer auf, stellte die deutsche Sprache ein und war sofort gefangen. Ein Sprecher, dessen Stimme herausragend gut in die Szenerie passt, dazu stimmige Sounduntermalung und eine leicht verständliche Führung zu den einzelnen Stationen, so dass man sich nicht gegenseitig in die Quere kam: Erstklassig. Selten war man so gefesselt von einer Erzählung und nie zuvor habe ich mich so tief in die Geschichte eines Ortes hineinziehen lassen. Die Aktivitäten der berühmtesten Insassen in ihren Zellen wurden lebendig, die Dekoration mit echten Reliquien aus alter Zeit tat ihr übriges. Man konnte den Birdman förmlich malen sehen, meinte Zellennachbarn miteinander flüstern zu hören und erspähte nach einem kurzen Hinweis im Ohr die Einschusslöcher aus der Zeit des berühmtesten (und blutigsten) Aufstands von Alcatraz.

Im Innenhof, auf dem sich die Gefangenen je nach Verhalten zum Spazieren, Sport treiben und für kleinere Tauschgeschäfte aufhalten durften, wehte trotz eigentlich großartigem Wetter ein fürchterlich starker Wind, was erneut den Eindruck bestärkte, dass ein Aufenthalt auf The Rock alles andere als angenehm war. Auch der Essensbereich sorgte für Beklemmung, wenn man sich vorstellte, dass hier hunderte Schwerverbrecher auf engstem Raum mit Tabletts und rudimentärem Besteck zusammen saßen. Kein Wunder, dass die Wärter stets wachsam und gewaltbereit waren, hier ging es auch um ihr eigenes Leben.


Apropos Wachleute, deren Rückzugsorte waren zwar deutlich angenehmer als die Behausungen der Insassen, doch erscheint die Vorstellung, auf dieser Insel Dienst zu schieben, dennoch nicht sehr erquicklich. War das Büro des Direktors noch groß und mit einem erstklassigen Ausblick versehen, saßen die diensthabenden Wärter in kleinen Beschlägen und mussten tagtäglich mit neuen Konfrontationen rechnen, denen sie aufgrund der Lage von Alcatraz im schlechtesten Fall nicht entfliehen konnten.  


Als die Führung endete, waren wir völlig fasziniert von diesem Ort, der im Fernsehen zwar bedrohlich, aber eben doch etwas inszeniert wirkt. Ist man allerdings die Gänge entlang geschritten, hat der wahren Geschichte von Alcatraz gelauscht und sich in die alten Zeiten hinein versetzt, merkte man schnell, dass die Wirklichkeit sogar noch bedrohlicher war. Eben kein Film, sondern harte Realität. Faszinierend, aber für die Protagonisten beängstigend, wenn nicht lebensbedrohlich oder gar todbringend. Unternehmt ihr einen Trip nach San Francisco, solltet ihr einen Besuch auf The Rock nicht versäumen. Diese Besichtigung, inklusive einer schönen Fährfahrt, ist jeden Dollar wert.


Keep on rockin‘

Ree

(c) Daniel Schröer

Mitglied im Deutschen

Fachjournalisten Verband

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