Der Grand Canyon

Ein Naturwunder sondergleichen

Daniel Schröer

Eigentlich dachten wir, bereits früh unterwegs zu sein, als wir uns um kurz nach acht Uhr auf die Suche nach etwas Essbarem machten. An ein vernünftiges Frühstück war allerdings kaum zu denken, da sich die halbe Westernstadt bereits im Aufbruch zu befinden schien und die wenigen in Frage kommenden Läden übervoll waren. Auch auf der Straße war bereits einiges los, was unseren Eindruck verstärkte, dass Williams mehr oder minder reine Durchgangsstation aller hier durchkommenden Grand Canyon-Besucher ist. Wir ließen uns dennoch ausschließlich von der Check-Out-Zeit des Motels leiten und versuchten, uns nicht von der allgemeinen Hektik anstecken zu lassen. Nichtsdestotrotz fanden wir kein adäquates Mahl und begaben uns mit einer Ladung Bananen zurück zur Unterkunft, um schlussendlich das Zimmer zu räumen. 

Im Mietwagen fanden wir die Straße dann bereits deutlich leerer vor und entspannten bei der Fahrt durch die weite Landschaft vor dem zu erwartenden Naturschauspiel noch ein wenig. Als Tusayan in Sicht kam, unser abendliches Übernachtungsziel, nahm die Aufmerksamkeit abrupt wieder zu, denn dieser letzte Checkpoint signalisierte uns, dass wir in Kürze das übliche Kassenhäuschen des Grand Canyon Nationalpark zu erwarten hatten.


Erschreckenderweise schien die Fahrzeugkolonne vor den diversen Eingangsportalen endlos zu sein, doch das Schicksal lenkte uns auf die rechte Spur und ermöglichte so eine erstaunlich schnelle Einfahrt – hier verzweigte sich die Spur an ihrem Ende nämlich zu einer weiteren und da wir sowieso weiterhin lediglich den Jahrepass vorzeigen mussten, grinsten wir uns einen und fuhren winkend an den vielen wartenden Autos vorbei. Diabolisch…

Im Park dann ein ähnlich kurioses Bild. Hunderte Fahrzeuge kämpften um die wenigen Parkplätze unmittelbar vor dem zentralen Visitors Center, während wir einen nur wenige Meter dahinter liegenden Parkplatz ansteuerten, auf dem es problemlos den ein oder anderen Spot zu ergattern gab. Das alles steigerte unsere Vorfreude weiter und vermutlich war es dieser Enthusiasmus, der uns nach dem Sammeln der lokalen Stempel zu einer ausgiebigen Souvenirshoppingtour verleitete. Karten, Pins, besondere Souvenirs anlässlich des 100jährigen Jubiläums: Alles Mögliche landete in unseren Taschen, bevor wir uns auf den Weg zum ersten Shuttlebus machten, der uns nach einiger Wartezeit zum Ausgangspunkt aller Grand Canyon-Erkundungen brachte. Und ja, unabhängig von all den anderen Menschen um uns herum war es einfach atemberaubend. 


Was natürlich auch daran liegt, dass, hat man erstmal das Geländer an der Schlucht erreicht, niemand mehr den Blick auf dieses spektakuläre Naturschauspiel verstellt und man diesen Augenblick des ersten Begreifens völlig für sich allein hat. Stimmen rundherum blenden aus und auch das periphere Sehen nimmt ab. Man hat nur noch Augen für die Gesteinsschichten, die Farben, die spürbare Ruhe und versucht beständig, mehr Details in sich aufzusaugen. Es bleibt auch nach Minuten noch surreal, das Gehirn versucht zu begreifen, dass so etwas existieren kann und scheitert doch an der schieren Größe. Zumindest für den Moment.

So gilt es, sich kurz mal abzuwenden, obligatorische Fotos zu schießen und, nachdem wir die Schlange am Shuttle, der die Aussichtspunkte des Parks abfährt, für zu lang befunden haben, uns zu Fuß auf den schönen Wanderweg entlang der Schlucht zu machen. Bereits nach wenigen Metern werden nahezu alle Umgebungsgeräusche leiser und hat man den ersten kleinen Aufstieg geschafft, der uns um eine Kurve aus dem zentralen Sichtfeld heraus brachte, drückte jemand endgültig den Mute-Knopf. Stille, durchbrochen nur von Wind, Vögeln, Eichhörnchen und dem Colorado River, dessen Rauschen man mehr erahnen, als tatsächlich hören konnte. Ein irres Gefühl, fast alleine in dieser unerklärlichen Wildnis zu sein. Der Verstand wusste, dass in der Umgebung weitere Menschen lauerten, aber die Sinne konnten niemanden registrieren und so fühlten wir uns nicht allein, sondern frei.


An jedem Aussichtspunkt genossen wir die Freiheit genau so lange, wie die Besucher vor und hinter uns, so dass dieses Freiheitsgefühl noch eine ganze Zeit anhielt. Wir konnten uns gerade zu Beginn gar nicht satt sehen und ließen die Kameras beständig klicken. Nach jeder Biegung hatte sich die Szenerie wieder in unzähligen kleinen Bereichen verändert und ließ das Gemälde der Natur stets wie ein Bilderrätsel erscheinen: Siehst Du den River, wo ist der Weg, wandern dort Menschen, doch schon so spät? Letztere Frage führte uns nach einigen Stunden vor Augen, wie rasch man die Zeit vergisst. 

Da wir noch hoch zu Hermits Rest wollten und dies nicht zu erlaufen war, bestiegen auch wir den nun leeren Shuttle, um am Endpunkt dieser Aussichtsseite ein paar Raubvögel zu erspähen. Leider war uns dies aber nicht vergönnt, keiner der Räuber ließ sich blicken und ansonsten hatte der Aussichtspunkt wenig zu bieten. Der kleine Shop war unübersichtlich und selbst für den Grand Canyon unverhältnismäßig teuer und die Glocke entschädigte auch nicht wirklich für die Fahrt. 


Schon nach wenigen Minuten drehten wir wieder ab und ließen uns nun entspannt mit dem Shuttle zum Ausgangspunkt zurückfahren, um dort das Schauspiel eines Sonnenuntergangs über der großen Schlucht zu genießen. Um uns herum drapierten sich unzählige Gesellen mit Stativen, auf die sie ihre Hochleistungskameras schraubten und so Zeitrafferaufnahmen des Events anfertigten. Mit unserer Standardausrüstung fühlten wir uns da fast klein. Doch zum Glück ging es ja nicht um das beste Bild, sondern den gesamten Moment. Und der war wunderschön. Ein beständiger Farbwechsel, bis es letztendlich rot leuchtete, quasi ein Feuerschein auf dem Felsendom der Natur. Unfassbar, unbeschreiblich, fahrt einfach hin.

Als letztes Highlight begegneten uns auf dem Rückweg zum Auto noch einige freilebende Wildtiere, die offenbar an die beständigen Besucherströme gewohnt sind und sich unbehelligt und aus nächster Nähe fotografieren, sowie beobachten ließen. Nur eine Kuschelstunde war nicht drin, kurz vor der finalen Berührung siegte der Instinkt und sie wichen ein paar Schritte zurück. Dennoch ein krönender Abschluss, im wahrsten Sinne des Wortes. Wir unterhielten uns noch den ganzen Abend über die vielen Erlebnisse des Tages, ob auf der Rückfahrt, im mexikanischen Restaurant unseres Hotels in Tusayan oder auch beim finalen Spaziergang die leeren Straßen entlang. Das Erlebnis hallte nach und sorgte für grenzenlose Vorfreude auf den kommenden Tag, an dem es in die andere Richtung des Grand Canyon zum Devil´s Watchtower ging.


Keep on rockin‘

Ree

(c) Daniel Schröer

Mitglied im Deutschen

Fachjournalisten Verband

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